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            Text                                                                                                  Ursula Hirsch

Kulturweg Limmat

Baden – Wettingen – Neuenhof AG






zwei Wände und zwei mal drei Sockel



Installation Ursula Hirsch

zwischen Limmat und Zisterzienserkloster Wettingen,

zwischen Zollhausbrücke und alter Mühle 

1991, neuer Standort 2007




Über Reform, Raum und Liebe nachdenken


Der Aufruf zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft im Jahr 1991 führte zu einer Masse an Veranstaltungen für die Schweizer Bevölkerung. Die Ortschaften Baden, Wettingen und Neuenhof schlossen sich zusammen, um mit dem Festbudget einen bleibenden Wert zu schaffen. Ein nachhaltig guter Entscheid, den Kulturweg entlang der Limmat mit Skulpturen zeitgenössischer Kunst zu bestücken. Hier wollte man nicht der Tradition zuliebe im Alten verharren und schuf einen spannenden Weg.


Unter politisch interessierten Künstlern kamen Diskussionen in Gang über den wahren Ursprung der Schweiz und das wirkliche Alter der Eidgenossenschaft - 700 Jahre seit dem Bundesbrief - 200 Jahre seit der Errichtung der Helvetischen Republik 1798 - oder gar seit der Einführung der Mediationsverfassung Napoleons 1803?


Im Sommer 1990 fand ich ein Buch über den Heiligen Bernhard, die Zisterzienser und ihr Orden in Citeaux (F), der sich im zehnten Jahrhundert von dem reich gewordenen Benediktinerorden abspaltete. Diese Geschichte faszinierte mich weit mehr und zudem war bekannt, dass auch das Wettinger Kloster von Zisterziensern gegründet wurde. Ich beschloss, mit meiner Arbeit auf die fast tausendjährige Geschichte des Klosters einzugehen.


In der genaueren Betrachtung des klösterlichen Grundrisses von Citeaux versuchte ich, mir den Alltag dieser Männer vor Augen zu führen und stellte Vergleiche an zu unserem heutigen Leben. Am auffälligsten war die Schlichtheit ihrer Architektur, (die in den meisten Kirchen  in den darauf folgenden Jahrhunderten wie mit Zuckerguss überzogen wurden) ihrer Kleidung und ihrer Ernährung. Aus heller, fast weisser Schafwolle fertigten sie ihre Kleider selbst, sie bauten ihre Klöster und malten ihre Schriften von Hand. – Multimedial. Erst später, wie sie dann reich wurden, verpachteten sie das Land um es bestellen zu lassen. Sie betrieben dann Mühlen und widmeten sich dem Fischfang. So verdienten sie mehr, als durch die eigene harte Feldarbeit. – Ein Link, den wir durchaus in die heutige Zeit richten können. Was dabei verloren ging und auch uns mehr und mehr verloren geht, sind die vielfältigen Fertigkeiten und Techniken, die allesamt eingekauft werden müssen. Oder, wann haben Sie zuletzt einen selbst gestrickten Pullover getragen oder Radisli aus dem eigenen Garten gegessen?


In der Reihe der alten Nussbäume in der langgezogenen Schafweide zwischen alter Mühle und Zollhausbrücke einerseits, und zwischen Kloster und Limmat andererseits, fand ich dann einen idealen Platz für meine Installation, die einen offenen, sakralen Raum im Raum wiedergibt. Dabei war die Sakristei, das eigentliche Herzstück aus den Bauten der weissen Mönche, Mass gebende Basis dieser Arbeit.


Ein religiöses Thema? – Einem Agnostiker möchte ich es so erklären, dass in diesem

kubisch angeordneten Raum am östlichen Kopf der Klosterkirche über nahezu 10

Jahrhunderte nur die weissen Mönche aus- und eingingen, in akkurat eingehaltenem

Modus und nach klaren Ausrichtungen und dies Tag für Tag, mehrmals. Ob vor den

Klostertoren nun Krieg herrschte oder die Pest wütete, die Männer besangen ihre

Liebe, Hoffnung und Demut. Ganz abgesehen von ihrer tief gläubigen Absicht Gott zu

begegnen, die solche Aufgabe überhaupt erst ermöglicht, formt allein ihr Wille und die

Würde ihrer Gedanken den Raum mit. Das ist grossartig. Wenn etwas heilig genannt

werden kann, ist es ein solcher Raum.

Wenn Sie sich etwas Zeit nehmen möchten, dann stehen Sie in die Installation hinein

und verspüren Sie den Atem hunderter Generationen von Männern, die darin an eine

übermächtige, allumfassende Liebe dachten und ihre Lieder sangen. Nur schon diese

Vorstellung lässt mich, oder wenigstens meinen kleinen Finger, in einen Strom von

Geist eintauchen.




Übrigens, zwischen den Nussbäumen, wo der Raum vor der Ufererneuerung stand, weidete eine Schafherde. An Sommerabenden konnte man jeweils beobachten, wie sie sich an die von der Sonne erwärmten Wände der Skulptur schmiegten.


Ursula Hirsch 2009 Auf Anfrage einer neugierigen, sympathischen Gymnasiastin, die an der Kantonsschule Wettingen AG studiert hat


Weitere Informationen zum Kulturweg-Limmat.ch


Hausinhaus M 1:1,618 


Rede zur Eröffnung der Ausstellung In der Kunstkammer, am Sonntag, 17. August 2008


Seit Anfang der 1990er Jahre erfindet Ursula Hirsch Metaphern für das menschliche Sein. 1993 entwickelt sie Maturité. Maturité ist ein Modell aus Holz, das nach ihren Massen geschaffen ist und das die Silhouette eines stehenden Menschen, die Arme eng am Körper haltend, in abstrahierter, geometrisierter Form nachzeichnet. Ausgehend von diesem Modell entwickelt Ursula Hirsch Mitte der 1990er Jahre ein erstes kistenartiges Hausobjekt. Das korngelb angemalte Erntehaus, das Teil einer Kunst am Bau Installation des Schulhauses Rütihof in Zürich Höngg ist, ist das erste einer Serie von hausartigen Objekten, die Ursula Hirsch in der Folge entwickeln wird. Die Form der Hausobjekte ist abgeleitet von Maturité. Doch nun ist es nicht der stehende, sondern der sitzende Mensch, der die Masse für die Form des Objektes abgibt. So bietet etwa das Erntehaus zwei Menschen Platz sich auf Bänken gegenüber zu sitzen und sich zu unterhalten. Sind beim Erntehaus noch beide Seiten nach links und nach rechts offen, so ist beim Haus gelb-rot-grün von 1996 die eine Seite geschlossen. Das nächste Objekt, betitelt Grotto von 1997 ist in der Mitte zweigeteilt und bietet auf der einen Seite vier und auf der anderen Seite zwei Menschen Platz. Zunehmend sind die Objekte komplexer geworden. Im HausgrünHaus aus dem Jahr 2007, entdeckt man neben dem üblichen Setting von Tischen und Bänken nun auch gemusterte Tapeten, Wandmalereien, Deckenöffnungen für den Lichteinfall und Neonbeleuchtungen. 


Ursula Hirschs Architekturen sind einerseits skulpturale Objekte an sich. Andererseits sind die Hausobjekte auch benutzbar. In gewisser Weise sind es Versuchsanordnungen für zwei oder mehrere Individuen. Die Kommunikation und das Spiel stehen dabei im Zentrum. Auf diesen Aspekt verweisen etwa die Motive auf den Tischen des Grotto, wo auf einem Tischblatt ein Schachbrettmuster und auf dem anderen die Skizze eines Mindmap gezeichnet sind. Die Objekte mit der begrenzten Räumlichkeit und dem schützenden Rahmen rund herum haben in gewisser Weise auch Ähnlichkeit mit einer Bühne. Jene die drinnen sind wirken ausgestellt. Jene die draussen sind beobachten das Geschehen im Inneren, so als wäre es eine Performance oder ein Theaterstück. 


Ursula Hirschs Kistenobjekte haben auch eine gewisse Ähnlichkeit mit den Living Units von Andrea Zittel, die angeregt durch die äusserst beengten Lebensverhältnisse in New York multifunktionale Möbelstücke baute, welche auf engstem Raum Platz bieten für die wesentlichen Aktivitäten des Lebens wie Schlafen und Ruhen, Kochen und Essen, Arbeiten, Waschen und Ankleiden. Während jedoch die täglichen Aktivitäten in den Möbelstücken von Andrea Zittel real ausgeführt und gelebt werden können, sind diese Aktivitäten in den Hausobjekten von Ursula Hirsch erst auf kommunikativer Ebene möglich. 


Doch wenn Sie nun genau hinschauen und die in die Kunstkammer eingepasste Figur aus Fichtenkantholz lesen, so entdecken Sie, dass es sich um dieselbe Struktur handelt, die Ursula Hirsch seit vielen Jahren mit ihren Hausobjekten entwickelt hat. Da durch die Kunstkammer das äussere Gehäuse bereits vorgegeben ist, hat sie die Struktur ihrer Hausobjekte im Massstab 1:1,618 - es sind dies die Proportionen des Goldenen Schnittes - als filigrane Zeichnung in den Innenraum eingepasst. Die zeichenhafte Struktur wird so einerseits zur begehbaren Installation, andererseits aber auch zu einer Skizze, zu einer Art Bauplan. Die Utopie, die die Künstlerin seit Jahren im Kopf hat, nämlich, ihre architektonische Struktur aus der modellhaften Grössenordnung herauszuführen und ihre Hausobjekte einmal als reales Haus im Massstab 1:1 zu bauen, dieser Utopie ist sie mit dieser Installation einen Schritt näher gekommen. 


Ich möchte Sie bei dieser Gelegenheit auch auf das Videogespräch mit Ursula Hirsch hinweisen: Im Rahmen der Ausstellungsreihe von FokusSkulptur* findet stets auch ein Gespräch mit der Künstlerin bzw. mit dem Künstler statt, während dem das ausgestellte Werk diskutiert und kritisch beleuchtet wird. Für einmal haben wir das Gespräch vorgezogen und auf Video aufgezeichnet, das sie als Loop auf dem Monitor neben der Kunstkammer sehen können. Letzten Sonntag habe ich Ursula Hirsch in ihrem lauschigen Atelier, einer ehemaligen Schmiedewerkstatt gleich neben dem Bahnhof Schmiede Wiedikon getroffen, wo wir uns über das Werk und über ihrem Traum unterhalten haben. 

 

Während des Gesprächs hatten wir übrigens frisch aufgebrühten Verveine Tee getrunken, der nebst vielen anderen Pflanzen im Garten rund um das Atelier herum wächst. Ursula Hirsch hat eine ganz besondere Affinität zur Natur und so spielt diese immer wieder in ihr Werk hinein. Deshalb auch die Pflanzen – Disteln, Schafgarben, Farnkraut etc. - an der Aussenwand der Kunstkammer. Es sind verschiedene lokale Gewächse, die teils getrocknet sind und teils frisch. Die Pflanzen bilden einen Kontrapunkt zur Strenge der Geometrie. Sie symbolisieren im Werk von Ursula Hirsch das Lebendige. Die Wurzeln der Pflanzen sind sozusagen das Gehirn. Deshalb hängen die Gewächse auch mit den Wurzeln nach oben. Ursula Hirsch meint, dass aus den Wurzeln das neue Leben, die Veränderung und Verwandlung spriesst. Die Natur ist so nicht nur Gegensatz zu den ewigen Gesetzten der Geometrie. Im Oeuvre von Ursula Hirsch gibt sie – und nicht die Geometrie - das primäre Richtmass ab, nach dem sie ihre Metaphern für das menschliche Sein nachempfindet und ausrichtet. 


Ich komme zum Dank: Ich möchte mich ganz herzlich bedanken bei Ursula Hirsch die sich mit viel Energie daran gemacht hat, die Installation für die Kunstkammer zu konzipieren, zu planen und zu realisieren und ich möchte mich - und dies auch im Namen der Künstlerin - ganz herzlich bedanken, bei der Firma Dangel AG, in Adliswil, die die Zimmermannsarbeit von Hausinhaus nicht nur ausgeführt, sondern auch grosszügig gesponsert hat. 

 

 

Kathrin Frauenfelder

Gastkuratorin Kunstkammer 07/09


Fotografie Peter Hunkeler Zürich www.pixelberg.ch                          quick_time.mov        

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Es gibt keinen Zufall


umgangssprachlich wird der Begriff Zufall verwendet, wenn ein Ereignis nicht kausal erklärbar ist.


Des öfteren hat bei Zufall unser Unterbewusstsein mitgetan, der riesige Pot, der auffängt was wir je dachten, waren, wünschten und konnten. Aus dem Pot darf geschöpft werden. Ich sage immer - was wir denken können, ist nur der Eisberg der oben heraus schaut. Das was wir nicht wissen dass wir es wissen, das sollten wir zumindest zulassen, wenn es sich zum Beispiel in Form von Zufall meldet.


Wir müssen für den Zufall ganz schön wach sein,

auf dass wir auffangen, was uns zufällt.


Ursula Hirsch

  1. 15.November 2011